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Pietismus

Der Pietismus als geschichtliche Erscheinung ist die (etwa von der Mitte des 17. Jahrhunderts an aufbrechende) Gegenbewegung gegen die Überschätzung der „reinen Lehre” in der Orthodoxie. Der Pietismus dringt auf eifriges Bibelstudium, auf persönliche Heiligung und Pflege gemeinsamer Erbauung. Er hat große Verdienste um die Erneuerung einer warmherzigen und entschiedenen Frömmigkeit, und manche bis heute fortwirkende segensreiche geistliche Lebensformen verdanken ihm direkt oder indirekt (etwa durch die Brüdergemeinde) ihr Dasein. Indem er aber sehr viel mehr auf persönliche Bekehrungserlebnisse als auf kirchliche Sitte, mehr auf eine gefühlsmäßige Frömmigkeit als auf geistliche Erkenntnis Wert legte, trägt der Pietismus eine wesentliche Mitschuld an dem Verfall kirchlicher Ordnung und gottesdienstlicher Formen.

Der Name Pietismus, wie viele solche Bezeichnungen zunächst als Spott- und Schimpfname gemeint, wurde bald mit Bewußtsein als seine Bezeichnung aufgenommen; aber er wird auch heute vielfach gebraucht, um jedes ernsthafte persönliche Christentum lächerlich oder verächtlich zu machen. Doch darf bei allem schuldigen Respekt vor dem Ernst eines solchen persönlich „entschiedenen Christentums” niemand, dem es um wirkliche Erneuerung der Kirche zu tun ist, vergessen, daß es dem Pietismus in fast allen seinen Zweigen an Verständnis für die Weite und Fülle christlicher Erkenntnis, für die Gestalt der Kirche und für die zentrale Bedeutung des Sakramentes, schließlich auch an volkskirchlicher Verantwortung für das Ganze der Nation in allen ihren Lebensbereichen mangelt.

Das Gottesjahr 1941, S. 94-95
© Johannes Stauda-Verlag Kassel

© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 13-02-05
 

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