titel

Startseite
Jahrgänge
1940
Autoren
Stichworte
Neue Seiten

Tägliche Bibellese
von Karl Bernhard Ritter

LeerDer fromme Katholik besucht täglich die Messe oder er nimmt doch in irgend einer Weise am Gebet der Kirche teil - der fromme Mensch des Ostens widmet täglich einige Zeit der schweigenden Versenkung - der fromme Protestant liest täglich in der Bibel. Stünde es in der Tat so, daß dieses Entweder - oder Geltung beanspruchen dürfte, so würde manch einer unter unseren Lesern sicherlich geneigt sein, sich für die kultische oder die meditative Frömmigkeit gegen die Buchreligion zu entscheiden. Und ich glaube, daß in der geistigen Lage, in der sich der Mensch des Abendlandes heute befindet, die abstrakte Behauptung und die mit ihr gestützte Forderung: die Bibel ist Gottes Wort und also... eher hemmend als förderlich wirken muß. Auch dieses Gesetz richtet Zorn an.

LeerTägliche Bibellese? Ja - aber es kommt freilich alles darauf an, ob wir die rechte innere Haltung finden, um - nun, nicht dieser Forderung gerecht zu werden! - um in dieser täglichen Versenkung die Übung zu erkennen, die uns den Raum der Wahrheit betreten läßt, die uns mit unserem ganzen Leben und Wesen für einen befreienden, hilfreichen Augenblick ins Licht hebt, die uns schließlich heimisch werden läßt in einer hochtröstlichen unverlierbaren Heimat unseres Geistes und Herzens. Dann mag es als Frucht einer langen Übung eines Tages zum Bekenntnis unserer Erfahrung werden: Dein Wort ist meine Speise.

LeerDabei wollen wir in gar keiner Weise absprechend urteilen über den ganz nüchternen Wunsch und Antrieb, die Bibel einfach kennen zu lernen: was steht eigentlich in diesem Buch? Im Gegensatz zur Goethezeit etwa ist die Kenntnis der Bibel auch unter den Gebildeten - oder sollen wir sagen, gerade unter den Gebildeten - erschreckend gering. Diskussionen über die Bibel pflegen in dieser Beziehung beschämend zu verlaufen. Man kann ja kaum eine Seite in Goethes Werken lesen, ohne der Bibel zu begegnen - sie war für ihn der große Kosmos, das Buch der Menschheit. Aber freilich, der Ratschlag zu täglicher Bibellesung zielt in einer anderen Richtung. Wer wissen will, was denn eigentlich in der Bibel steht, der wird viel besser ganze Bibelteile im Zusammenhang lesen wie andere Bücher auch, und ich wundere mich immer, warum das nicht viel häufiger geschieht. Es wird erleichtert, wenn man einen Druck ohne Verseinteilung wählt.

LeerNäher kommen wir dem, was gemeint ist, schon, wenn wir die Bibel als eine Fundgrube des „gedichteten” Wortes in die Hand nehmen. Man kennt den Ratschlag: Kein Tag sei ohne ein besinnliches Wort, ein Wort, in dem eine hilfreiche, wegweisende Wahrheit ausgesprochen ist. Wer mit der Bibel vertraut ist, der weiß, daß kein anderes Buch der Weltliteratur eine solche Fülle von Worten enthält, in denen letzte Erkenntnis von Gott und Mensch kristallisierte, in denen die Wahrheit selbst in bezwingende Form eingeschlossen ist. Sie enthält - noch vor aller theologischen Deutung dieses Tatbestandes sei es gesagt - wirklich offenbarendes Wort.

LeerAber wer nun den Versuch machen wollte, in dieser Hoffnung täglich die Bibel aufzuschlagen und nach einem solchen Wort zu suchen, der würde trotzdem mancher Enttäuschung ausgesetzt sein. Der Fehler ist, daß wir da mit unseren Erwartung und Forderungen an die Bibel herantreten; sie soll uns geben, was wir zu bedürfen glauben für diesen und jenen Tag. Der Fehler ist, daß wir dabei selber noch allzusehr am Reden bleiben, von unseren eigenen Gedanken bestimmt und geführt. Die Bibel aber will einer Stimme Gehör verschaffen, der gegenüber nur ein völliges, ganz bereites, gehorsames Schweigen ziemt. Darum gehört zur Übung täglicher Bibellese zweierlei: zum ersten jene Sammlung in der Stille, in dem Schweigen aller Sinne und Gedanken, die Voraussetzung und Ziel zugleich aller kultisch-liturgischen Übung ebenso wie der frommen Versenkung in einer meditativ bestimmten Frömmigkeit ist; und zum zweiten eine Ordnung unseres Umgangs mit der Bibel, die von uns selbst unabhängig ist, die wir uns am besten von der Kirche und ihrer geistlichen Erfahrung schenken lassen. Lernen wir schweigen und warten, so werden wir immer besser hören können und erfahren, daß etwas in uns geschieht und daß uns, vielleicht in unmerklichem Wachstum, vielleicht auch in Erschütterungen, die heilsame Wandlung zu Teil wird.

Das Gottesjahr 1940, S. 20-22
© Johannes Stauda-Verlag zu Kassel (1939)

© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 13-03-24
TOP

Impressum
Haftungsausschluss