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Das Bekenntnis
von Anna Paulsen

LeerEs ist eine allgemeine zugestandene Tatsache, daß unsere evangelischen Gemeinden nicht genug in der Liturgie leben, nicht genug verstehen, um was es hier geht. Und innerhalb der Liturgie ist wohl der Teil, der von vielen am fremdartigsten empfunden wird, das Bekenntnis. In jahrhundertealten festgefügten Formeln klingt es sonntäglich über die Gemeinde hin. Viele hören es nicht ohne eine gewisse Furcht und Beengung. Wird einem hier nicht eine Last aufgelegt, die man nicht tragen kann? Ein Zwang zugemutet, den man abwehren muß? Ware es nicht richtiger und dem Empfinden des modernen Menschen angemessener, wenn man diesen Anstoßstein wegräumte und das Bekenntnis wegließe im Gottesdienst? Es wird manchem scheinen, als würde sich die Kette sehr gut schließen ohne dies Glied, als würde der Gottesdienst auch ohne diesen Bestandteil in seinem organischen Gang durchaus eine Ganzheit bilden.

LeerUm diese Frage zu beantworten und zum Bekenntnis Stellung zu nehmen, müssen wir gemeinsam in eine Besinnung eintreten über sein Wesen. Am besten wird das geschehen, wenn wir die Bekenntnisansätze des Urchristentums uns näher ansehen. Hier treffen wir gleichsam auf die Wurzeln alles christlichen Bekennens. Von grundlegender Bedeutung ist in dieser Beziehung ein Pauluswort wie das folgende: „Wir haben einen Gott, den Vater, von welchem alle Dinge sind und wir zu ihm, und einen Herrn Jesus Christus, durch welchen alle Dinge sind und wir zu ihm.” Dem Sinn nach verwandt sind mit diesem Wort die starkbetonten Aussagen über den einen Grund der Gemeinde im Epheserbrief: „Ein Leib und ein Geist ... ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. Ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch alle und durch euch alle und in euch allen.” Wir stellen daneben noch den Ausklang der großen Hymne, Römer 11: „Von Ihm und durch Ihn und zu Ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!”

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LeerKurze Worte stehen hier, in der Kürze aber klar und wuchtig und schwergewichtig. Und doch haben Sie gar nichts Lastendes. Sie sind vielmehr frei von innen her. Es geht wie ein starker Wind durch sie hindurch. Man spürt es ihnen ab: Hier wird etwas gesagt, was gesagt werden muß aus tiefster Notwendigkeit heraus.

LeerEs geht dem Paulus in diesen Worten um einen Tatbestand, der bezeugt werden muß. Ihn verschweigen und verleugnen, würde bedeuten das eigene Leben entwerten; denn es handelt sich nicht um einen Tatbestand der Vergangenheit nur, sondern um die Auswirkung einer gegenwärtigen persönlichen Macht, in die das eigene Ich unentrinnbar miteingeschlossen ist: Von Ihm, durch Ihn, zu Ihm. Wenn der Apostel dies aus seinem Leben wegdächte, dann würde es fortan seinen Sinn verlieren. Es hat sein Ziel und sein Gerichtetsein nur so, wie es in diesen Tatbestand eingeschlossen ist und in ihm gründet.

LeerDiese mächtige Wirklichkeit, die sein Ich ergriffen hat, bekennt Paulus - es handelt sich hier wirklich um ein Bekennen im eigentlichen Sinne - mit den Worten: „Ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch alle und durch euch alle und in euch allen.” Das Bewußtsein, diesem Gott und Herrn zu gehören, ist der Halt seines stürmischen Lebens geworden, der eine Ruhepunkt, von dem aus er es lebt. Das innerste Leben des Menschen braucht nämlich in seiner ständigen Halt- und Ruhelosigkeit ein Getragenwerden von einer ewigen Macht, die stärker ist als alle Stürme der Zeit. Ein Gegründetsein in übergreifenden Zusammenhängen.

LeerDie persönliche Macht, von deren Wirklichkeit der Apostel zeugt, ist der eine ewige Gott, der Vater aller. In dem „Ich glaube”, das unausgesprochen hinter seinen Worten steht, ist gleichsam die Gesamtgemeinde Gottes vereinigt. Ein über die vielen Einzel-Ich übergreifendes und sie umfassendes Ich bekennt. Die Zugehörigkeit zu dem einen Herrn und Vater macht die Gemeinde zur Gemeinde. Mit dem, was das eigene Leben trägt in seinem innersten Grunde, bezeichnet man darum zugleich den Lebensgrund der gesamten Gemeinde. Indem der einzelne dies bekennt, legt er seine Hand in die Hand des Bruders. Vor dem Vater fleht man nämlich immer in der Kette. Jesus gab uns das Gebet, an dem Seine Jünger beten lernen sollten, ja als gemeinsames: nicht „mein Vater” lehrte er sie sprechen, sondern „unser Vater”.

LeerAn den Worten des urchristlichen Bekenntnisses als solchen liegt nichts. Sie haben keine in sich ruhende, sakrale Bedeutung; alles Schwergewicht liegt vielmehr auf dem Tatbestand, auf den sie hinweisen, dem Sie dienstbar geworden sind. Die Worte sollen künden. Und was Sie künden ist dies: Von Ihm, durch Ihn, zu Ihm. Von dem Lebensstrom ist die Rede, der die Gemeinde durchwaltet und Sie zu einem Organismus macht. Mit diesem Bekenntnis greift die Gemeinde selbst an die Wurzeln ihres Lebens.

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LeerEs ist bei rechter Besinnung keineswegs zufällig, daß wir als evangelische Christen unsere Sammlung und Besinnung im Gotteshaus und Gottesdienst gemeinsam suvhen. Es ist nicht nur äußerlich zweckhaft veranlaßt, etwa darum, weil so das Wort der Predigt nun gleich alle Versammelten gemeinsam erreicht und so vielen einzelnen zugute kommt. In unseren Gottesdiensten geht es vielmehr um ein gemeinsames Angeredetwerden der versammelten Gemeindeglieder in einem viel tieferen Sinne, um ein gemeinsames Hören (Hören ist recht verstanden etwas sehr Aktives) und gemeinsames Antwortgeben auf die Anrede Gottes. Dem Sinne des Gottesdienstes nach stehen wir alle vor Gott in der Haltung des Wartens; in Armut kommen wir vor sein Angesicht, um unser Leben füllen zu lassen mit seinem Reichtum und uns vor ihm in der Danksagung zu vereinigen.

LeerWir kommen gemeinsam, darum weil wir bei rechter Überlegung vor ihm Glieder einer Kette sind. Die in dem einzelnen Gotteshaus versammelte Gemeinde ist ein Teil der großen Gesamtgemeinde, der ewigen Gemeinde, deren Kette durch alle Jahrhunderte reicht. Nicht Bruchteil dieser Gemeinde nur, zahlenmäßig verstanden, sondern zugleich ihre Darstellung und Vertretung. In und mit ihr ist die ewige Gemeinde gegenwärtig. Das Wissen um diese Tatsache ist der Grund unseres gemeinsamen Feierns im Hören und Antwortgeben und im Danksagen. Es hat also seinen tiefen Sinn, wenn die Gemeinde im Gottesdienst sonntäglich ausspricht, was sie zur Gemeinde macht, was in seinen letzten Gründen ihr Leben trägt und bestimmt. Indem Sie dies tut, gibt Sie der Haltung ihres Wartens und Feierns den entsprechenden Ausdruck: von dem Vater, der über alle, durch alle und in allen ist, erwarten Sie alle, die vielen einzelnen, die hier gemeinsam versammelt sind, die Hilfe die sie brauchen, die neue Kraft für ihr Leben und ihren Kampf in der Zeit.

LeerWie soll nun das Bekenntnis der Gemeinde konkret gestaltet sein? In den ersten Jahrhunderten hatte die Kirche in ihrem Bekenntnis mehrfach sich abgegrenzt gegen Glaubensrichtungen, die sie als feindlich und schädlich erkannte, gegen die Sekten, mit denen Sie im Kampf und in der Auseinandersetzung stand. Im Akt des Bekennens ist sie also nicht so unabhängig und so unmittelbar frei gewesen wie die Urgemeinde. Die Fassung eines so entstandenen Bekenntnisses wird nicht ohne weiteres zeitlos gültig sein, denn in den verschiedenen Zeiten ist die Kampfrichtung der Kirche immer wieder eine andere gewesen. In anderen Zeiten können andere Betonungen der einen Wahrheit notwendig werden. Und noch etwas ist hier zu Sagen: In Kampfzeiten besonderer Art wird man sich an bestimmt geprägte Worte besonders anklammern, wird auf sie in eben dieser Fassung ein ganz starkes Schwergewicht legen. Um der umkämpften Wahrheit willen wird es leicht geschehen, daß die Worte sich verfestigen, daß sie schwer, lastend, unbeweglich werden.

LeerDie Gefahr der sakralen Gültigkeit der geprägten Worte legt sich immer dann nahe, wenn man nicht aus dem Grunde mehr weiß, was Glauben im urchristlichen Sinne heißt: nämlich ein inneres Ergriffen- und Überführtsein, und nicht eine Anerkennung von Formeln und Satzungen, die einem von außen her entgegengebracht werden. Und diese Gefahr bahnte sich schon im zweiten Jahrhundert an. Auch das apostolische Glaubensbekenntnis, das aus dieser Zeit stammt, und das wir heute in unseren Gottesdiensten noch am meisten gebrauchen, ist von ihr nicht frei geblieben. Immer noch spiegelt es aber das wider, was in den urchristlichen Worten zum Ausdruck kam, den Lebensstrom der Gemeinde: von Ihm, durch Ihn, zu Ihm. Und so hat es für unsere Gemeinden heute trotz einzelner Schwierigkeiten doch seine große Bedeutung.

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LeerWas in den alten Bekenntnissen steht, ist in unserer Kirche am tiefsten und kraftvollsten zum Ausdruck gekommen in unseren evangelischen Kirchenliedern aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Wenn unsere junge, evangelische Gemeinde sie wieder singen lernt, dann singt sie sich auch hinein in den Inhalt des Bekenntnisses. Es hat seinen sehr guten Grund, wenn man im Gottesdienst statt des vom Liturgen gesprochenen Bekenntnisses gelegentlich die Gemeinde singend bekennen läßt durch Lieder wie: „Wir glauben all an einen Gott” oder durch das große Tedeum.

LeerBekannt hat die Gemeinde der Vergangenheit auch in den Bildwerken unserer Kirche. Wir denken hier vor allen an die Holzschnitzaltäre des späten Mittelalters, auf denen der Inhalt des christlichen Bekenntnisses dargestellt wurde: Menschwerdung Gottes, Kreuzigung, Auferstehung. Wie fromm und innig hat man hier bekannt, und wie frei steht man zugleich den Bekenntnistatsachen gegenüber. Hier ist so gar nichts von starrer Gebundenheit, vielmehr staunen wir heute noch über die Freiheit der Gestaltung. Das schönste und deutscheste Bekenntniswerk ist wohl der Isenheimer Altar des Mathias Grünewald. Man muß sich einmal hineinschauen in die ganze Größe und Gewalt dieses Werkes, die in so unvergleichlicher Weise sich eint mit frommster und innigster Zartheit. Auf dem Auferstehungsbild spürt man die flammende Kraft eines Glaubens, der in dem alten Bekenntnis wurzelt: in der Gewißheit nämlich von der Gegenwärtigkeit einer ewigen Gnade in der Zeit. Die gleiche emporreißende Kraft wirkt sich aus in der Musik unserer frühevangelischen Meister. Wir denken an Heinrich Schütz, Joh. Sebastian Bach u. a.

LeerDie Schwäche unseres evangelischen Gottesdienstes hat zu einem großen Teil ihre Ursache in der Passivität der Gemeinde. Man läßt sich wohl anpredigen, läßt auch gehorsam die Liturgie über sich ergehen; man weiß aber noch nicht genug, daß der Gottesdienst in allen seinen Teilen getragen werden muß, durchblutet werden muß gleichsam von der lebendigen Anteilnahme der feiernden Gemeinde.

LeerJe mehr man sich einlebt in den Gottesdienst und seinen Gang, um so mehr wird man verstehen, daß es sich hier nicht um eine Feier handelt, in der die einzelnen Teile sich wie mehr oder weniger zufällige Programmpunkte ergänzen, sondern um etwas Organisches, das heißt in einem Wurzelpunkt Verankertes, nämlich einer gemeinsamen Grundhaltung der Gemeinde. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt der Gottesdienst in seiner Ganzheit Bekenntnischarakter, denn es ist ja, wie wir oben gehört haben, für das Wesen des Bekenntnisses grundlegend, notwendiger Ausdruck einer inneren Haltung zu sein, Ausdruck eines Ergriffen- und Überführtseins. Die im wechselnden Rhythmus der gottesdienstlichen Feier - im Warten, im „Hören” und im Antwortgeben durch Gelübde und Danksagung - sich auswirkende Haltung der Gemeinde findet ihre zusammengedrängte Fassung im Credo, im Bekenntnis. Daß hier die Gemeinde in Jahrhundertealten festgewordenen Worten „bekennt”, ist nicht nur Hemmnis und Belastung, ist vielmehr bedeutsam als äußeres Zeichen ihrer Einheit und inneren Gemeinsamkeit mit der Gemeinde vergangener Zeiten, ist Hinweis also auf den die Zeitunterschiede aufhebenden und über die Zeiträume übergreifenden Zusammenhang der Gemeinde im Vollsinne.

LeerDas Credo weglassen oder vernachlässigen - das hat uns unsere Besinnung gezeigt - bedeutet den Herzpunkt des Gottesdienstes antasten.

Aus: Das Gottesjahr 1929. S. 88-92
© Bärenreiter-Verlag zu Kassel

© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 12-10-14
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