titel

Startseite
Jahrgänge
1926
Autoren
Stichworte
Neue Seiten

Sabbath oder Sonntag?
von Wilhelm Stählin

Leer„Du sollst den Feiertag heiligen.” Der Feiertag, dessen Heiligung das 3. Gebot anordnet, ist der „Sabbath”. Denn „Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, darum daß er an demselben geruhet hatte von allen seinen Werken.” Der „Sabbath”, das ist Ruhetag, war und ist der wöchentliche Feiertag des israelitischen und jüdischen Volkes, und wir wissen aus biblischen Geschichten, zum Teil auch noch aus gegenwärtigen Sitten, mit welchem Ernst der Sabbath vor Entweihung durch verbotene Arbeit geschützt wird. Die ersten Christen haben, soweit wir davon unterrichtet sind, als treue Glieder ihres jüdischen Volkes den Sabbath-Tag weiter gehalten; aber in dem Maß, als die christliche Gemeinde dem Judentum als seinem Mutterboden entwuchs, entwuchs sie auch der jüdischen Sitte und sehr bald trat zum Gedächtnis an die Auferstehung des Herrn der erste Tag der Woche als wöchentlicher Feiertag an die Stelle des Sabbaths. - Es gibt bekanntlich christliche Sekten, die darin einen Abfall und Ungehorsam gegen ein klares und unmißverständliches Gottesgebot sehen und in der willkürlichen „Einführung” des Sonntags an Stelle des Sabbaths eine wesentliche Ursache für den Verfall der christlichen Kirche finden; man müsse zurück zu dem Gebot der Bibel und den Sabbath halten, und nur die heilige Gemeinde derer, die den von Gott geweihten siebenten Tag halten, dürfen hoffen, daß sie von dem zum Gericht wiederkehrenden Herrn als seine Gemeinde anerkannt und begnadet wird.

LeerAber müßte dann nicht alles und jedes, das im altisraelitischen Gesetz befohlen ist, mit gleicher Treue auch von den Bürgern des neuen Gottesreiches gehalten werden? Müßte nicht mit dem gleichen Recht die Ordnung der jüdischen Feste und die Sitte der Beschneidung auch von den Gliedern der christlichen Gemeinde gefordert werden? Aber welche Anklage ist diese ganz seltsame Forderung gegen die christliche Kirche selbst, die in ihrer Mitte eine ganz unverständige, äußerliche und gesetzliche Auffassung der Bibel, die das alte Testament, das heilige Buch der Juden ganz auf eine Linie mit dem Evangelium rückt, nicht nur geduldet, sondern gefördert und gepflegt hat! Und schließlich, ist es nicht höchst gleichgültig, ob man die Woche mit dem Sonntag oder mit dem Montag zu zählen beginnt, ob man Samstag oder Sonntag als den geheiligten und zu heiligenden siebenten Tag rechnet?

LeerAber die geforderte Rückkehr zum Sabbath ist wahrhaftig etwas anderes als eine andere Weise, die Wochentage zu zählen, und als ein anderer Name für den gleichen, für alle Menschen geordneten Feiertag. Denn es liegen Welten zwischen Sabbath und Sonntag. Und in die letzten Tiefen der Gotteserkenntnis und des Lebensgefühls reicht der Unterschied hinab, ob wir den Sabbath feiern oder den Sonntag.

Linie

LeerDer Sabbath ist der Tag der Ruhe, der allen Menschen den Volksgenossen wie den Fremden, ja selbst dem Tier, das der Mensch in das Joch der Arbeit gespannt hat, gegönnt ist. Aber nicht die soziale Wohltat begründet seine Geltung, und nicht um des Nächsten willen wird er gehalten; sondern er wird „geheiligt”, und weil er Gott gehört, darf nicht menschliche Arbeit ihn nutzen. Es ist eine seltsame und uns fremde Vorstellung von dem „Heiligen”, die hier sichtbar wird. Was Gott als Opfer dargebracht, „geheiligt” ist, das darf nicht mehr in menschlichem Gebrauch verwendet und genutzt werden. Die heiligen Brote dürfen nicht gegessen, der heilige Raum nicht betreten werden; das Tier, das geheiligt ist, darf nicht mehr wie irgendein Tier der Herde unter dem Joch gehen, noch auch darf sein Fleisch wie das anderer Tiere gegessen werden. Ja selbst die völlige Vernichtung im Tod kann Pflicht werden, damit das Heiligtum nicht durch profanen Gebrauch entweiht wird, und selbst ein König wie Saul kann eben daran scheitern, daß er die zum Opfer geheiligte Beute nicht ganz und gar vernichten läßt. So muß auch der Sabbath-Tag, weil er Gott geheiligt werden soll, frei sein von menschlicher Arbeit und nichts, womit sonst der Mensch seine Tage nutzt, darf diesen Tag entweihen. Ja, die Peinlichkeit der spätjüdischen Gesetzeslehrer weiß aufs genaueste zu sagen, wie weit man am Sabbath gehen und welches Werk man noch verrichten dürfe, ohne Gott zu rauben, was ihm gebührt.

LeerSo ist der Sabbath das Geschenk des Menschen an Gott, das schuldige Opfer, das er ihm nicht weigern darf. So wie der mächtige Zwingherr den Zehnten von allem Gewinn für sich fordern darf, so darf wohl Gott den „siebenten” aller Tage für sich nehmen. Und nach allem Werk, nach den sechs Tagen, die der eigenen Notdurft, dem Zwang der Arbeit gehören, steht am siebenten Tag der Mensch vor Gott: Herr, dieser Tag sei Dein! Es ist die Vollendung alles Werkes, daß der Mensch feiernd die Hände in den Schoß legt, um das Gott wohlgefällige Werk der Ruhe zu vollbringen. Ueber allem menschlichen Werk und jeglicher Gestaltung des menschlichen Lebens steht als letzte Blüte und Krönung in dem Kreislauf der Woche, daß auch die Pflicht vor Gott nicht vergessen oder versäumt werde; der Kreis menschlicher Kultur und Gesittung wird vollendet in der Religion und hier in dem heiligen Bezirk der Religion selbst bringt der Mensch das Beste, das er empfangen hat, ein Stück der Zeit, der kargen ihm zugemessenen Zeit, Gott zum Opfer dar.

LeerDarum beginnt der Sabbath, wenn die Arbeit des letzten Werktages zu Ende gegangen ist; dann wird die Sabbathkerze hinter verschlossenen Fensterläden feierlich entzündet. Der Sonntag aber beginnt, wenn die Morgensonne am ersten Tag der neuen Woche über die Berge steigt. Sabbath ist Feierabend, Sonntag aber ist Morgenstunde und Sonnenaufgang. Hier ist alles Anfang und Beginn. Es ist der Tag, da der schaffende Gott sein erstes zeugungskräftiges: Es werde! über die wüste und leere Welt rief und das erste Licht in die Finsternis sprang. Es ist der Tag der Sonne, um die unsere Erde kreist, und von der alles Leben auf Erden sein Dasein und Wachstum empfängt. Es ist „der Tag des Herrn”, von dem und durch den und zu dem alle Dinge sind, und der in jedem Augenblick v o r allem unserem Atmen und Gehen und Handeln ist. Darum feiert Sonntag den Ursprung und Beginn alles unseres Lebens in Gott und bindet alle Tage an die Ewigkeit, aus der sie fluten und in die sie wieder münden.

Linie

LeerEs ist nicht mehr der Mensch, der, was ihm gehört, als sein Opfer Gott darbringt und ihm „heiligt”; sondern es ist Gott, der im Urbeginn aller Tage steht, und aus dessen Hand der Mensch das Geschenk aller seiner Zeit empfängt. Es ist nicht mehr die fromme Bekrönung des irdischen Werkes in der frommen Sitte und dem geheiligten Tag, sondern es ist die „Frömmigkeit” des Sonntags ein Baden des Menschen in dem Licht einer ewigen Sonne und der Neubeginn des Lebens aus der Heimat in Gott. Das ist nicht mehr der Weg des Menschen durch die Welt, der in feiernder Ruhe vor dem Heiligtum mündet, sondern es ist der Weg des Menschen, der sich von dem Vater im Licht senden läßt in die Welt. Nicht mehr der Besuch des Menschen bei Gott, nachdem er sein irdisches Tagwerk getan hat, sondern die Heimsuchung des Menschen durch den Gruß des Engels, damit Werke und Tage gesegnet seien.

LeerSonntag ist der Tag der Auferstehung. Es ist nicht nur der Gottes-Tag, sondern der Christus-Tag im Kreislauf der Woche. Christus strahlt als die Sonne am Himmel der geistigen Welt. Das neue Licht ist aufgegangen, das der Welt einen neuen Schein gibt und die finsteren Kinder der Erde zu Kindern des Lichtes umschafft. Der Schöpfungsmorgen steht am Beginn alles Seins und aller Geschichte, aber der Auferstehungsmorgen steht am Beginn eines neuen Lebens, das mit Heil gesättigt ist und das die Welt überwindet. In der Auferstehung Christi spricht Gott sein endgültiges Urteil über die vergehende Welt des Todes und läßt denen, die im Schatten des Todes sitzen, das Licht einer verklärten Welt aufgehen. „Das Alte ist vergangen, siege, es ist alles neu geworden!” Die Auferstehung Christi verheißt denen, die sich gehorsam unter das Gesetz des „Stirb und werde!” beugen, die Erlösung aus Schwachheit und Schuld, den Frühling, der aus dem Grabe steigt, das Reich, in dem sie mit Christus leben sollen. Gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln.

LeerIm Kreislauf der Zeit kehrt der Tag wieder aus jeder Nacht, und nach jedem Sonn-Abend führt der Sonn-Tag die neue Woche herauf. Aber im Kreislauf der Tage bewegt sich unser Leben einem „jüngsten Tag”, einem letzten Ziele zu. Erst dann ist es wirklich erfülltes Leben, wenn es nicht nur im Wirbel der wiederkehrenden Tage und Wochen, sondern in der lebendigen Bewegung zwischen Schöpfung und Vollendung steht. Das Ziel aber ist das Leben in dem Reich des Christus, dessen Anbruch und Verheißung die Auferweckung Jesu Christi von den Toten ist. Darum ist der Christus-Tag der Tag der Verheißung und der Hoffnung. Auferstehung ist nicht wieder ein Anfang, der wieder seinem Ende entgegeneilt, sondern der Neubeginn zu wahrer Vollendung. In Christus ist erschienen, was wir sein werden, was wir werden sollen. Christus aber ist das Leben, das Leben im Geist, das Leben in der Liebe. Nicht die Ruhe, von der der Sabbath weiß, sondern das Leben in der Wahrheit, das der Sonntag verkündigt, ist unsere Bestimmung.

LeerDarum mag ich wohl in der Feierstunde des Sabbaths einkehren in die dämmerige und stille Halle, wo der Lärm der Arbeitswoche und die bunten und grellen Farben des Lebens von uns genommen sind, daß wir stille werden in der großen Stille und zur Ruhe kommen in der großen Ruhe; aber am Sonntagmorgen will ich auf den Berg steigen, wo die Strahlen der Morgensonne zwischen den Aesten spielen und das junge Buchenlaub in dem freudigen Lichte glänzt, wo die Tautropfen silbern an den Gräsern glitzern und die Vögel mit aller Macht singen, und will meine Arme ausbreiten und inbrünstig rufen zu dem Herrn, der die Sonne emporführt und Christus erweckt hat von den Toten: Erneure mich, o ewges Licht!

Das Gottesjahr 1926, S. 30-33
© Greifenverlag Rudolstadt (Thür.)

© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 12-10-12
TOP

Impressum
Haftungsausschluss